Reclaiming Reason - Zum Erscheinen von Stanley Cavells "Der Anspruch der Vernunft"

Mit Beiträgen von Stanley Cavell, Cambridge/Mass.; Susan Neiman, Potsdam/Princeton; Dieter Thomä, St. Gallen; Albrecht Wellmer, Berlin 


Stanley Cavells monumentales Buch Der Anspruch der Vernunft, das nun in deutscher Übersetzung erscheint, gehört zu den großen philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Seit seiner Erstpublikation 1979 hat es eine ganze Generation von Philosophen beeinflusst und gilt längst als moderner Klassiker. Ungewöhnlich breit angelegt, komplex in der Argumentation, eigenwillig, ja exzentrisch im Stil, eröffnet uns Cavell in seinem Opus magnum Zugänge zu epistemologischen, metaphysischen, ethischen und ästhetischen Fragen, die bis heute nichts an Originalität eingebüßt haben.
Leuchtend roter Faden, der das ganze Buch durchzieht, ist Cavells Wittgenstein-Lektüre. Konträr zum philosophischen Mainstream liest Cavell Wittgensteins Forderung, »die Wörter von ihrer metaphysischen wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurückzuführen«, nicht einfach als Hinweis auf eine Gebrauchstheorie der Bedeutung, sondern macht sie für eine raffinierte Umdeutung des Skeptizismus fruchtbar. Denn der Zweifel, tief eingelassen in das menschliche Denken, ist der Dorn im Fleisch der Philosophie. Er ist es, der zwischen uns und der Welt steht, der uns der Welt entfremdet und dazu führt, dass wir sie immer wieder verlieren. Die Macht der Skepsis durch das philosophische Streben nach letzten Wahrheiten brechen zu wollen ist für Cavell ein sinnloses, ja kontraproduktives Unterfangen. Vielmehr muss der skeptisch-metaphysischen Versuchung widerstanden und die Welt auf geradezu romantische Weise ständig zurückerobert werden: indem wir sie in unseren Sprachspielen immer wieder neu erschaffen.

Pressestimmen

»Cavell weiß, daß er es seinen Lesern nicht einfach macht. Deshalb hat es auch beinahe drei Jahrzehnte gedauert, ehe sein Anspruch der Vernunft, das bei weitem umfangreichste Werk des Philosophen, ins Deutsche übersetzt wurde. Wobei auch von den zahlreichen kürzeren Studien kaum etwas den Weg in unsere Sprache fand. Obwohl der Ruf Cavells immens ist, scheuten die Verlage das Risiko, und das hat vor allem mit der Komplexität und der Präzision seiner eigenen Sprache zu tun – und damit, daß seine wichtigsten Referenzen literarische Texte sind, vor allem Shakespeares Tragödien. Nicht nur, daß die subtilen Jagden auf diesem Terrain von etlichen Literaturwissenschaftlern als tolldreistes Wildern verachtet werden; sie pflegen auch eine Lektüre, die bis in die kleinsten Verästelungen des Textes geht, und dieses akribische Verfahren macht sie nahezu unübersetzbar.
Dennoch ist Der Anspruch der Vernunft gewiß das noch am leichtesten zu übertragene Buch von Cavell, weil hier die literarischen Referenzen (oder auch die an den amerikanischen Film als gleichfalls wichtige Quelle für Cavells Philosophieren) kaum in Erscheinung treten. Das soll die fulminante Leistung der Übersetzerin Christiana Goldmann nicht schmälern, die nicht einmal den heute gängigsten Anglizismen Raum in ihrem Text gewährt hat und somit Cavell in jene sprachliche Tradition stellt, die für ihn neben der englischsprachigen besonders wichtig ist: die deutsche, ausgehend eben von Wittgenstein.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Oktober 2006, Literaturbeilage

»Was fehlt, ist das Band, das diese unterschiedlichen Zugänge ein wenig bündeln könnte, was fehlt, ist der rote Faden, der Cavell selbst von Shakespeare zu Hitchcock und von Hitchcock zu Wittgenstein und Austin führt. Mit dem Erscheinen von Der Anspruch der Vernunft kann sich nun endlich auch ein deutschsprachiges Publikum daran machen, diesen Faden zu finden. 1979 unter dem Titel The Claim of Reason veröffentlicht, kann das Buch mit Fug und Recht als Hauptwerk Cavells begriffen werden, auch wenn Cavell selbst diese Bezeichnung eher zurückweist. Dass es überhaupt zu dieser verspäteten Übersetzung kommt, ist einer Kooperation des Suhrkamp Verlags mit dem Einstein Forum in Potsdam zu verdanken, die begrüßenswert ist, zugleich aber andeutet, dass sich der Verlag das Projekt einer solchen Mammut-Übersetzung – der Umfang des Buches beträgt fast 800 Seiten – wohl nicht allein zugetraut hätte. Der Anspruch der Vernunft ist ein ungemein sperriges, kompliziertes und voraussetzungsvolles Werk, das sich nur genauer und geduldiger Lektüre erschließt. Und es ist ein Buch, dessen Stil, so Susan Neiman in ihrem kleinen Vorwort, so ›amerikanisch wie der Jazz‹ ist, ›mit denselben Arabesken und überraschenden Wendungen, mit denen ein großer Jazzmusiker aufwartet‹. Das ist freundlich und anspielungsreich formuliert – Cavell schwebte in seiner Jugend eine Karriere als Musiker vor –, es versüßt ein wenig die Qual, die die Lektüre des Buchs gelegentlich verursacht, und es überspielt den Bruch, den das Buch mit dem zur Zeit seines Erscheinens vorherrschenden Stil der analytischen Philosophie ganz bewusst vollzieht.«
Frankfurter Rundschau, 4. Oktober 2006, Literaturbeilage

Stanley Cavell: Der Anspruch der Vernunft
aus dem Amerikanischen von Christiana Goldmann. Mit einem Vorwort von Susan Neiman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006

Freitag, 15. Dezember 2006