Reclaiming Reason - Zum Erscheinen von Stanley Cavells "Der Anspruch der Vernunft"

Mit Beitr├Ągen von Stanley Cavell, Cambridge/Mass.; Susan Neiman, Potsdam/Princeton; Dieter Thom├Ą, St. Gallen; Albrecht Wellmer, Berlin

15. Dezember 2006


Stanley Cavells monumentales Buch Der Anspruch der Vernunft, das nun in deutscher ├ťbersetzung erscheint, geh├Ârt zu den gro├čen philosophischen B├╝chern des 20. Jahrhunderts. Seit seiner Erstpublikation 1979 hat es eine ganze Generation von Philosophen beeinflusst und gilt l├Ąngst als moderner Klassiker. Ungew├Âhnlich breit angelegt, komplex in der Argumentation, eigenwillig, ja exzentrisch im Stil, er├Âffnet uns Cavell in seinem Opus magnum Zug├Ąnge zu epistemologischen, metaphysischen, ethischen und ├Ąsthetischen Fragen, die bis heute nichts an Originalit├Ąt eingeb├╝├čt haben.
Leuchtend roter Faden, der das ganze Buch durchzieht, ist Cavells Wittgenstein-Lekt├╝re. Kontr├Ąr zum philosophischen Mainstream liest Cavell Wittgensteins Forderung, ┬╗die W├Ârter von ihrer metaphysischen wieder auf ihre allt├Ągliche Verwendung zur├╝ckzuf├╝hren┬ź, nicht einfach als Hinweis auf eine Gebrauchstheorie der Bedeutung, sondern macht sie f├╝r eine raffinierte Umdeutung des Skeptizismus fruchtbar. Denn der Zweifel, tief eingelassen in das menschliche Denken, ist der Dorn im Fleisch der Philosophie. Er ist es, der zwischen uns und der Welt steht, der uns der Welt entfremdet und dazu f├╝hrt, dass wir sie immer wieder verlieren. Die Macht der Skepsis durch das philosophische Streben nach letzten Wahrheiten brechen zu wollen ist f├╝r Cavell ein sinnloses, ja kontraproduktives Unterfangen. Vielmehr muss der skeptisch-metaphysischen Versuchung widerstanden und die Welt auf geradezu romantische Weise st├Ąndig zur├╝ckerobert werden: indem wir sie in unseren Sprachspielen immer wieder neu erschaffen.

Pressestimmen

┬╗Cavell wei├č, da├č er es seinen Lesern nicht einfach macht. Deshalb hat es auch beinahe drei Jahrzehnte gedauert, ehe sein Anspruch der Vernunft, das bei weitem umfangreichste Werk des Philosophen, ins Deutsche ├╝bersetzt wurde. Wobei auch von den zahlreichen k├╝rzeren Studien kaum etwas den Weg in unsere Sprache fand. Obwohl der Ruf Cavells immens ist, scheuten die Verlage das Risiko, und das hat vor allem mit der Komplexit├Ąt und der Pr├Ązision seiner eigenen Sprache zu tun ÔÇô und damit, da├č seine wichtigsten Referenzen literarische Texte sind, vor allem Shakespeares Trag├Âdien. Nicht nur, da├č die subtilen Jagden auf diesem Terrain von etlichen Literaturwissenschaftlern als tolldreistes Wildern verachtet werden; sie pflegen auch eine Lekt├╝re, die bis in die kleinsten Ver├Ąstelungen des Textes geht, und dieses akribische Verfahren macht sie nahezu un├╝bersetzbar.
Dennoch ist Der Anspruch der Vernunft gewi├č das noch am leichtesten zu ├╝bertragene Buch von Cavell, weil hier die literarischen Referenzen (oder auch die an den amerikanischen Film als gleichfalls wichtige Quelle f├╝r Cavells Philosophieren) kaum in Erscheinung treten. Das soll die fulminante Leistung der ├ťbersetzerin Christiana Goldmann nicht schm├Ąlern, die nicht einmal den heute g├Ąngigsten Anglizismen Raum in ihrem Text gew├Ąhrt hat und somit Cavell in jene sprachliche Tradition stellt, die f├╝r ihn neben der englischsprachigen besonders wichtig ist: die deutsche, ausgehend eben von Wittgenstein.┬ź
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Oktober 2006, Literaturbeilage

┬╗Was fehlt, ist das Band, das diese unterschiedlichen Zug├Ąnge ein wenig b├╝ndeln k├Ânnte, was fehlt, ist der rote Faden, der Cavell selbst von Shakespeare zu Hitchcock und von Hitchcock zu Wittgenstein und Austin f├╝hrt. Mit dem Erscheinen von Der Anspruch der Vernunft kann sich nun endlich auch ein deutschsprachiges Publikum daran machen, diesen Faden zu finden. 1979 unter dem Titel The Claim of Reason ver├Âffentlicht, kann das Buch mit Fug und Recht als Hauptwerk Cavells begriffen werden, auch wenn Cavell selbst diese Bezeichnung eher zur├╝ckweist. Dass es ├╝berhaupt zu dieser versp├Ąteten ├ťbersetzung kommt, ist einer Kooperation des Suhrkamp Verlags mit dem Einstein Forum in Potsdam zu verdanken, die begr├╝├čenswert ist, zugleich aber andeutet, dass sich der Verlag das Projekt einer solchen Mammut-├ťbersetzung ÔÇô der Umfang des Buches betr├Ągt fast 800 Seiten ÔÇô wohl nicht allein zugetraut h├Ątte. Der Anspruch der Vernunft ist ein ungemein sperriges, kompliziertes und voraussetzungsvolles Werk, das sich nur genauer und geduldiger Lekt├╝re erschlie├čt. Und es ist ein Buch, dessen Stil, so Susan Neiman in ihrem kleinen Vorwort, so ÔÇ║amerikanisch wie der JazzÔÇ╣ ist, ÔÇ║mit denselben Arabesken und ├╝berraschenden Wendungen, mit denen ein gro├čer Jazzmusiker aufwartetÔÇ╣. Das ist freundlich und anspielungsreich formuliert ÔÇô Cavell schwebte in seiner Jugend eine Karriere als Musiker vor ÔÇô, es vers├╝├čt ein wenig die Qual, die die Lekt├╝re des Buchs gelegentlich verursacht, und es ├╝berspielt den Bruch, den das Buch mit dem zur Zeit seines Erscheinens vorherrschenden Stil der analytischen Philosophie ganz bewusst vollzieht.┬ź
Frankfurter Rundschau, 4. Oktober 2006, Literaturbeilage

Stanley Cavell: Der Anspruch der Vernunft
aus dem Amerikanischen von Christiana Goldmann. Mit einem Vorwort von Susan Neiman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006

Freitag, 15. Dezember 2006