Vortrag
Dienstag, 14.1.2020, 19:00h

Dr. Klaus Speidel

Associate Researcher, Labor für empirische Bildwissenschaft, Universität Wien

Von der Narratophobie zur Narratogenie. Die Rolle der Erzählung in der Kunst der Moderne

Gesprächsleitung: Prof. Dr. Peter Bexte, Köln

Das Erzählen gehört seit dem 19. Jahrhundert offiziell nicht mehr zu den Auf-ga¬ben der bildenden Kunst. Im Werk von Künstlern wie Paul Cézanne und Van Gogh spielt es kaum eine Rolle, und auch viele Kunsttheoretiker halten das Wie der Form für wichtiger als das Was eines möglicherweise erzählerischen Inhalts. Erzählung wird zum kunstfremden Prinzip, wenn man wie Konrad Fiedler glaubt, der Inhalt der Kunst sei »nichts als die Gestaltung selbst«. Weil Geschichten dem Werk nicht zu eigen sind, verhindern sie, so der allgemeine Konsens von Jacob Burckhardt bis Gottfried Boehm, dass die Künstler und Betrachter den Blick auf die der Kunstform eigenen Ausdrucks-mittel richten. So avanciert im Laufe des 20. Jahrhunderts Erzählvermeidung zum Dogma.
Gleichzeitig haben aber die Erzählungen über die Werke nichts an Wichtigkeit eingebüßt, ja, sie scheinen sogar genau in dem Maße wichtiger zu werden, in dem die Kunst konzeptueller geworden ist. Aus den Werken selbst verschwunden, hat sich die Narration fast ganz in ihren institutionellen Rahmen bzw. den Paratext verlagert. Auch wenn Werke zu einer Prominenz gelangen, die sich durch ihre künstlerische oder ästhetische Qualität anscheinend nicht erklären lässt, liegt das oft an ihrer Erzählbarkeit. So wie man von bestimmten Motiven sagt, sie seien »fotogen«, so können Werke oder Ereignisse »narratogen« sein. Welche Paradoxien entstehen, wenn die Erzählung offiziell aus der Kunst verbannt wird, aber dennoch für ihren Erfolg – und oft auch ihre Existenz – konstitutiv bleibt? Ist es problematisch, in der Kunst Prinzipien zu verwenden, die auch im sogenannten »viralen Marketing« zur Anwendung kommen?

Klaus Speidel ist Bild- und Kunsttheoretiker. Zwischen 2015 und 2018 hat er das FWF Forschungsprojekte »Zur experimentellen Narratologie des Bildes« an der Universität Wien geleitet. 2013 wurde er an der Université Paris IV Sorbonne mit seiner Dissertation »Narration visuelle et récit iconique« promoviert.

Peter Bexte ist Professor für Ästhetik an der Kunsthochschule für Medien Köln.