Vortrag
Freitag, 7.12.2018, 18:00h

Janosch Schobin

Symbolische Lebenspfänder und Intimkommunikation Versuch einer verallgemeinerbaren soziologischen Theorie der Freundschaft

Die Sozialform der Freundschaft ist ungemein vielfältig und fluide. Die sozialen Praktiken, aber auch die gesellschaftlich gehandelten Ideale der Freundschaft, unterscheiden sich sowohl im interkulturellen als auch im historischen Vergleich sehr stark – so stark, dass der Einwand naheliegt, es handele sich um unterschiedliche Phänomene, die nur aufgrund vager Formähnlichkeiten die gleiche Bezeichnung tragen. Diesem Einwand kann mit einer ethnosoziologisch informierten Theorie symbolischer Lebenspfänder begegnet werden. Der Begriff des symbolischen Lebenspfandes hat in der Soziologie, trotz seiner relativ prominenten Stellung in Maussʼ Essai sur le don, kaum Aufmerksamkeit erfahren. Zu verstehen ist darunter ein symbolisches Artefakt, das für das Leben einer Person steht und mit diesem unverbrüchlich verbunden ist. Zu einer universalisierbaren Theorie der Freundschaft trägt der Begriff bei, weil sich historisch prominente Formen der Freundschaft – wie etwa die Blutsbrüderschaft − als das rituelle Tauschen und Teilen symbolischer Lebenspfänder entschlüsseln lassen. Aus dieser Beobachtung lässt sich eine starke These gewinnen: Ein hinreichend allgemeiner Begriff des symbolischen Lebenspfandes ist dazu in der Lage, die grundlegende Gemeinsamkeit aller Formen der Freundschaft zu erfassen. Für eine Soziologie der Freundschaft stellt sich dann speziell die Frage, welche Formen Lebenspfänder in modernen Gesellschaften annehmen. Eine mögliche Antwort hierauf lautet: intime Geheimnisse.

Janosch Schobin lehrt im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel. Im Rahmen des BMBF-Projekts DeCarbFriends – Dekarbonisierung – Freundschaftsnetzwerke – Gamification leitet er dort die Nachwuchsgruppe Die Rolle digitaler Spielanwendungen zur Dekarbonisierung privater Konsumentscheidungen. Nach einem Masterstudium in Soziologie und Mathematik wurde er 2001 an der Universität Kassel mit einer Arbeit promoviert, die 2013 unter dem Titel Freundschaft und Fürsorge. Bericht über eine Sozialform im Wandel bei der Hamburger Edition erschien. Er war u.a. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und freiberuflicher Softwareentwickler. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Soziologie der Freundschaft, der Sozialen Netzwerktheorie, der Sozialen Isolation, der Familiensoziologie, der Thanato-Soziologie sowie der Arbeits- und Spielsoziologie. Zu seinen aktuellen Publikationen zählen der Sammelband Freundschaft heute. Eine Einführung in die Freundschaftssoziologie (Mit-Autor, 2016) und zahlreiche Aufsätze zur soziologischen Betrachtung von Freundschaften.

Homepage: www.uni-kassel.de/projekte/decarbfriends/projektpartner/projektteam/dr-janosch-schobin.html