Vortrag
Samstag, 3.2.2024, 15:00h

Christiane Voss

Weimar

Gastlichkeit als Szene der Affektpolitik. Eine medienphilosophische Perspektive

In Kriegszeiten wie unseren, in denen Konflikte und polarisierende Stimmungen das affektive Klima der Öffentlichkeit bestimmen, ist es philosophisch interessant, sich nach Reflexionsfeldern umzuschauen, in denen Praktiken der Integration und Politiken der affektiven Differenzierung positive Modelle sind. Solche Denkmotive finden sich u.a. in der gut erforschten Philosophie der Gastlichkeit. Die Möglichkeit und Fähigkeit, Fremde einzulassen, ins Eigene (oikos) und dort nicht nur einseitig Schutz zu bieten, sondern auch einen Raum für Genuss, informellen Austausch mit anderen Fremden und Transformation zu eröffnen, gilt als Kernkompetenz von Kultur und Kultiviertheit überhaupt. Während die Philosophie der Gastlichkeit im Allgemeinen auf die komplexen politisch-moralischen Implikationen des Verhältnisses von Gast und Gastgeber:in fokussiert (Kant, Bahr, Derrida, Liebsch, etc.), bleiben Fragen nach der Medienabhängigkeit der Gastlichkeit ebenso Desiderat, wie die nach ihren affektiven Dramaturgien und Grundierungen. Beiden Desideraten geht der Vortrag nach, indem er 1) mit Rückbezug auf die Medienphilosophie der Gastlichkeit von Fran-ziska Reichenbecher einen rezenten Ansatz zum Thema vorstellt, der die Prekarität der Gastlichkeit unter Einbeziehung der agency von Dingen und Praktiken fokussiert. Und 2) sollen zur auch dort vernachlässigten, affektdramaturgischen Grundierung der Gastlichkeit und speziell zur Rolle des Taktgefühls eigene Überlegungen erweiternd anschließen. Hier wie auch andernorts erfordert der Bezug auf die in sich vernetzten und differenzierten Affektlogiken der in Frage stehenden Szenerie eine Überschreitung dichotomischer Denkweisen. Dass affekttheoretische Logiken generell tendenziell einem Denken des Dritten den Vorzug geben, ist die Leitthese des Vortrags.

Ausgewählte Veröffentlichungen: Der Leihkörper. Epistemologie und Ästhetik der Illusion (2013); Narrative Emotionen. Eine Untersuchung über Möglichkeiten und Grenzen philosophischer Emotionstheorien (2004); Die Relevanz der Irrelevanz. Aufsätze zur Medienphilosophie 2010-2021 (Ko-Autorin, 2021); Anthropologies of Entanglements. Media and Modes of Existence (co-ed., 2023); Medienanthropologische Szenen. Die conditio humana im Zeitalter der Medien (Mit-Hrsg., 2019); Mediale Anthropologie (Mit-Hrsg., 2015); Essays zur Filmphilosophie (Mit-Hrsg., 2015); Die Mimesis und ihre Künste (Mit-Hrsg., 2010); „Es ist, als ob“. Fiktionalität in Philosophie, Film- und Medienwissenschaft (Mit-Hrsg., 2009); …kraft der Illusion (Mit-Hrsg., 2006); Zwischen Ding und Zeichen. Zur ästhetischen Erfahrung in der Kunst (Mit-Hrsg., 2005).