Vortrag
Samstag, 25.1.2020, 10:00h

Annette Dorgerloh

Berlin

Bastien und Bastienne 1953. Liebe im Spannungsfeld zwischen Ost und West: AM GRÜNEN STRAND DER SPREE

Fritz Umgelters fünfteiliger Fernsehfilm gilt als einer der frühen »Straßenfeger« des (bundes-)deutschen Fernsehens. Er basiert auf dem 1955 erschienenen, gleichnamigen Buch von Hans Scholz, weist aber charakteristische Veränderungen in der Auffassung der Figuren auf. Im Zentrum steht Berlin als Transformationsort preußischer Geschichte. Das historisch breit gespannte Bezugsfeld unternimmt im Blick zurück auf den Nationalsozialismus und auf das 18. Jahrhundert einen Brückenschlag zwischen Ost und West unter den Bedingungen der Nachkriegszeit bzw. des Kalten Krieges. Dominik Graf nannte den Fernsehfilm »eine Art Traum-Kursbuch durch deutsches Leiden und Lieben und Irrewerden an sich selbst. Aber in ungeahnter und seitdem nie mehr gesehener Zartheit und Zurückhaltung«. Insbesondere im 4. Teil (»Bastien und Bastienne«) werden Gefühle als Teil und Ausdruck der Nachkriegsverhältnisse verhandelt. Die klassischen Geschlechtsstereotypen werden dabei dezidiert umgekehrt – elegante Westberlinerin trifft auf einen kriegsversehrten ehemaligen Schauspieler in der brandenburgischen Provinz – und eröffnen so ein Spiel aus Vermutungen und Zuschreibungen, das letztlich in eine gesellschaftliche Utopie aufgelöst wird.

Annette Dorgerloh studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Kulturtheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Promotion 1996, Habilitation 2008. Von 1987 bis 1991 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ästhetik und Kunstwissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität, 1997–2006 am Lehrstuhl Architektur und Städtebau. Seit 2005 war sie Mitarbeiterin im SFB 644 »Transformationen der Antike« und leitete u.a. die Projekte »Spielräume. Szenenbilder und -bildner in der Filmstadt Babelsberg« (2011–2016), »Bewegte Räume. Szenographie der Antiken im Film« (2013–2016), »Gefährliche Attraktivität – Nachkriegsmoderne als Herausforderung in Spielfilmen der 1950er/60er Jahre« (2016–2017). Ausgewählte Publikationen: Strategien des Überdauerns. Das Grab- und Erinnerungsmal im frühen deutschen Landschaftsgarten (2012); Die Berliner Mauer in der Kunst. Bildende Kunst, Literatur und Film (Mitautorin 2011); BildFilmRaum. Zwischen den Disziplinen (Mit-Hg. 2019); Alles nur Kulisse!? Filmräume aus der Traumfabrik Babelsberg (Mit-Hg. 2015).