Lutz Raphael, Benjamin Zachariah
Das postkoloniale Volk
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Lutz Raphael (Trier) diskutiert das Buch The Postcolonial Volk (Polity Press, 2026) mit dem Autor Benjamin Zachariah (Potsdam)
Die postkoloniale Theorie und ihr Pendant, die dekoloniale Theorie, sind die derzeit florierendsten Produkte der akademischen Welt. Mit diesem Erfolg geht ein beunruhigender Trend einher: Politisches Handeln basiert auf plumpen Analogien zum Opferdasein, und ein Großteil seiner Rhetorik ist bewusst anti-rational, wodurch die konstruierten Kategorien rassistischer und sektiererischer Vorstellungswelten reproduziert und aufrechterhalten werden. Benjamin Zachariah untersucht dieses Phänomen und seine besorgniserregenden Affinitäten zum völkischen Denken. Als Produkt des romantischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts ist „völkisch“ ein Adjektiv, das eine Gemeinschaft von Blut, Boden und Rasse bezeichnet. Diese Aspekte treten in seinen neueren Erscheinungsformen weniger explizit zutage, die stattdessen eine Gemeinschaft des kollektiven Gedächtnisses und des Opferdaseins heraufbeschwören. Dennoch bleibt diese ältere Form kollektiver Zugehörigkeit in scheinbar neuen Haltungen verankert: eine zwangsläufige Gemeinschaft sowohl des vererbten Opferdaseins als auch der organischen Zugehörigkeit.
Prof. Dr. Lutz Raphael lehrte bis zu seiner Pensionierung 2024 Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. Er hatte Gastprofessuren unter anderem in Oxford, London und Paris inne. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören History from Below: Between Democratisation and Populism (Mitherausgeber:;De Gruyter, 2025) und Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom (Suhrkamp, 2019). Lutz Raphael ist Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaft und Literatur. 2013 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Benjamin Zachariah arbeitet am Einstein Forum. Er schloss sein Grundstudium in Geschichte, Philosophie und Literatur am Presidency College in Kalkutta ab und promovierte in Geschichte am Trinity College in Cambridge. Er lehrte viele Jahre an der Universität Sheffield, war Professor für Geschichte in Kalkutta und Halle und hatte zuvor unter anderem leitende Forschungsstipendien an der Universität Trier, am Karl-Jaspers-Zentrum an der Universität Heidelberg und am Jawaharlal-Nehru Institute for Advanced Studies an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Politik des historischen Wissens, Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung, globaler Faschismus, transnationale revolutionäre Netzwerke, Nationalismen und Erinnerung.
