Loren Goldman
Ein unpassender Genosse: Zu Ernst Blochs Stasi-Akt
Ernst Bloch war der Star am philosophischen Firmament der frühen DDR, ein weltbekannter marxistischer Utopist, der die Gelegenheit begrüßte, am Aufbau des real existierenden Sozialismus mitzuwirken. Der junge Staat betrachtete seine 1949 erfolgte Berufung auf einen Philosophie-Lehrstuhl an der Universität Leipzig – angeordnet vom sächsischen Ministerium für Volksbildung gegen erheblichen internen Widerstand – als unbestreitbaren Coup. Innerhalb weniger Jahre brach jedoch das gegenseitige Verhältnis zwischen Bloch und dem Staat zusammen. Unter anderem unterstützte Bloch (privat) seinen alten Freund Georg Lukács im Zuge der Ungarischen Revolution von 1956 und wurde in den Aufruhrprozess gegen seinen philosophischen Kollegen Wolfgang Harich verwickelt, der ihn heimlich denunzierte; einst gepriesen für seine „durchgreifende Auseinandersetzung mit den in den Faschismus mündenden geistigen Strömungen der Moderne“, wurde Bloch vorgeworfen, einen „objektiv die Konterrevolution fördernden Standpunkt“ zu vertreten. Auf der Grundlage von Blochs bisher unveröffentlichter Akte des Ministeriums für Staatssicherheit beschreibt dieser Beitrag detailliert die erstaunlichen Machenschaften der Stasi und der Partei, Blochs Philosophie und seinen Ruf im Namen des Antifaschismus zu zerstören, sowie seine vergeblichen Versuche, sich als Verfechter derselben Sache zu verteidigen.
Loren Goldman ist außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der University of Pennsylvania, USA, wo er seit 2016 lehrt. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln und Kapiteln ist er Autor von The Principle of Political Hope (2023), Mitübersetzer von Ernst Blochs Avicenna and the Aristotelian Left (2019) und übersetzt derzeit Blochs Thomas Müntzer als Theologe der Revolution.
