Detlef Siegfried
Weltrevolution in der DDR. Studierende aus dem globalen Süden an der FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck
Seit 1958 lud die FDJ kommunistische, sozialistische und andere befreundete Jugendorganisationen ein, Funktionäre an ihre „Jugendhochschule Wilhelm Pieck“ (JHS) am Bogensee nahe Berlin zu schicken, um sie in Jahreslehrgängen im Marxismus-Leninismus auszubilden. Der Kommunismus gab sich nicht mit Partikularlösungen zufrieden, sondern strebte nach Befreiung von allen Unterdrückungsverhältnissen. Das umfasste race, class und gender gleichermaßen –Themen, die in den 1960er bis 1980er Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hatten, im Gegenteil. Hier verstand sich die DDR als Alternative, denn während westliche Länder faschistische Diktaturen unterstützten oder verharmlosten, gewährte sie den Verfolgten Exil. Während jene die USA als Vormacht der westlichen Welt, ihre Kriege und von ihnen lancierten Putsche gegen linke Regimes unterstützten, gab die DDR staatliche Mittel und Solidaritätsspenden für Befreiungsbewegungen und griff den von ihnen gegründeten Nationalstaaten unter die Arme. Während konservative und liberale Politiker des Westens vom Apartheitregime hofiert wurden, unterstützte sie den ANC. Ein Koordinationsbüro der Weltrevolution, wie man sich die verflossene Kommunistische Internationale erträumen konnte, gab es nicht mehr, wohl aber Menschen, die sich auf der ganzen Welt für den Sozialismus engagierten und an einem Strang ziehen sollten. So die Grundannahme des Internationalen Lehrgangs an der JHS. Wie begrenzt die Gemeinsamkeiten tatsächlich waren, wie unterschiedlich politische Vorstellungen und Kulturideale, sollte sich in dem Lehrgangsjahr am Bogensee bereits andeuten, aber in ihrer ganzen Vielfalt treten sie erst in der historischen Rückschau hervor. Der Vortrag rekonstruiert die Theorie und Praxis der „Imagined community“ der Weltrevolution an der JHS, insbesondere die Rolle der Delegationen aus den Ländern des globalen Südens, die Aporien des Internationalismus zwischen Postulat und Praxis, solidarischem Alltag und rassistischen Kontinuitäten.
Dr. phil. Detlef Siegfried, geb. 1958 in Hohenwestedt. 1982 bis 1988 Studium der Geschichte, Soziologie und Germanistik. 1991 Promotion an der Universität Kiel, 2006 Habilitation an der Universität Hamburg. 1993 bis 1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Körber-Stiftung, 2002 bis 2005 der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 1996 bis 2011 Associate Professor, seither Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Kopenhagen. Veröffentlichungen u.a.: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialforschung und Linksradikalismus 1917-1922 (2004); Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre (4. Aufl. 2022); Bogensee. Weltrevolution in der DDR 1961 bis 1989 (2021); Alternative Dänemark. Kosmopolitismus im westdeutschen Alternativmilieu 1965-1985 (2023).
