Vortrag
Samstag, 9.5.2026, 14:30h

Christian Dietrich

(Frankfurt a.d.O.)

Mörder erziehen. Der Antisemitismusbegriff im Werk von Wolfgang Heise und im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Das historiographische Urteil über die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in der DDR ist vernichtend: ökonomistisch, thematisch verengt, blind gegenüber der Spezifik der Shoah. Der Vortrag stellt diese Einschätzung ausgehend vom Werk des Philosophen Wolfgang Heise (1925-1987) zur Diskussion. Heise entwickelte in den frühen 1960er Jahren einen Antisemitismusbegriff, der sowohl ideengeschichtliche als auch sozialpsychologische Aspekte integriert und die Funktion des Antisemitismus als Herrschaftsinstrument in verschiedenen historischen Konstellationen beschreibt. Zentral ist dabei seine These, dass der NS-Terror eine gezielte Korrumpierungsfunktion erfüllte. Er erzog Menschen zum Morden, indem er sie durch Teilhabe an Ausgrenzung und Gewalt an das Regime band. Heises Texte erweisen sich damit als ein bislang wenig beachteter Beitrag zur Faschismustheorie, der über den DDR-Kontext hinausweist.

Dr. Christian Dietrich ist Privatdozent an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder). Zu seinen wichtigsten Publikationen gehören Verweigerte Anerkennung. Selbstbestimmungsdebatten im “Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens” vor dem Ersten Weltkrieg (2014); Eugen Leviné (2017); Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918-1932 (2021); Sicherheitsauftrag Volkspolizei. Völkerfreundschaft, Staatssicherheit, Volkspolizei und die Arbeits- und Ausbildungsmigration in die DDR (2025).