Vortrag
Samstag, 9.5.2026, 11:00h

Franziska Bomski

(Potsdam)

Baseballschlägerjahre. Literarische Reflexionen über Neonazismus und Antifaschismus nach 1990

Nach 1990 erscheinen zahlreiche autobiografisch grundierte literarische Texte, in denen ostdeutsche Autor:innen, deren Coming of Age mit der Wendezeit zusammenfiel, von den sogenannten Baseballschlägerjahren, also der Wende- und Nachwendezeit aus der Perspektive bestimmter jugendlicher Gruppen in der ehemaligen DDR erzählen. Die literarischen Darstellungen zeichnen diese Zeit als geprägt von gewalttätigen Straßenkämpfen, die zum einen von der Elterngeneration ebenso ausgeblendet werden wie von staatlichen Autoritäten. Zum anderen treffen in diesen Auseinandersetzungen zwei Parteien aufeinander, die sich selbst als „Linke“ vs. „Rechte“, „Zecken“ vs. „Glatzen“, „Antifa“ vs. „Nazis“ positionieren. Diese Gegenüberstellung aktiviert ideologische Schemata, die den Protagonist:innen der Texte vor der Wendezeit oftmals nur als offiziös propagierte Worthülsen ohne lebensweltliche Bedeutung erschienen waren. Der Vortrag geht anhand ausgewählter Texte der Frage nach, wie gleichzeitig erstarkender Neonazismus und Antifaschismus im Ostdeutschland der 1990er Jahre in der Post-DDR-Literatur beschrieben und versuchsweise erklärt werden – das Spektrum erstreckt sich dabei von ethisch-weltanschaulichen Überzeugungen, die sich aus einer spezifischen DDR-Sozialisation speisen, bis hin zu letztlich apolitischen Positionierungen als Schutz- und Überlebensstrategie.

Franziska Bomski studierte Neuere deutsche Literaturgeschichte und Mathematik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort wurde sie 2011 mit einer Arbeit zur Mathematik im Denken und Dichten von Novalis promoviert. Geforscht und gelehrt hat sie in Deutschland, den USA und China. Von 2012 bis 2018 war sie als Forschungsreferentin an der Klassik Stiftung Weimar tätig. 2018 wechselte sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin ans Potsdamer Einstein Forum, seit 2024 ist sie dessen Stellvertretende Direktorin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Literatur und Wissen(schaft) vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der politischen Fachgeschichte der Germanistik sowie aktuell der Zeitgenoss:innenschaft in der Post-DDR-Literatur. Publiziert hat sie u.a. zu Friedrich von Hardenberg/Novalis, Robert Musil, Christa Wolf, Dietmar Dath und Manja Präkels.