Freitag, 2.2.2007, 10:30h

Heinz Dieter Kittsteiner

Professor für Vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)

Die Angst in der Geschichte

Mit der zunehmenden Naturbeherrschung schwindet die Angst vor den vormals unverfügbaren Naturgewalten, damit auch die veralteten Formen, diesen Ängsten in konkreten Gestalten Ausdruck zu geben. Der Prozess der Zivilisation vollzieht sich aber selbst in geschichtlichen Strukturen, die ihrerseits wieder nicht beherrschbar sind; Angst bricht neu hervor – keine »Realangst« im Sinne Freuds als Furcht vor klar benennbaren äußeren Faktoren, sondern die traumatische Angst, die überhaupt keinen Ansatz für menschliches Handeln bietet. Dies führte zunächst zu den Entwürfen der klassischen Geschichtsphilosophie, bei denen eine andere Instanz für uns handelt, die »unsichtbare Hand« oder die »Naturabsicht«. Aber auch diese Konzeptionen führen gegen Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Krise. Die Angst in der Geschichte ist die Angst vor der nicht machbaren Geschichte. So werden andere Techniken der Angstbewältigung entwickelt, vor allem die Repersonalisierung, bei der sich die diffuse Angst in konkrete, damit überwindbare, weil angreifbare Furcht verwandelt. Diese Repersonalisierungen anonymer Strukturen erscheinen vor allem in Form von prägnant verdichteten Bildern: als synergistische Allegorien, heroische Gestalten und Personen, die man hinter den Strukturen zu entdecken meint. So erscheinen sie in den politischen Plakaten des frühen 20. Jahrhunderts immer wieder: als der »Riese Proletariat«, der Soldat, der Kapitalist und der Jude.

Heinz Dieter Kittsteiner, geb. 1942, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Tübingen und Berlin, Promotion 1978 in Philosophie (Berlin), Habi-litation 1988 in Geschichte (Bielefeld). 1980–83 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Freien Universität Berlin, 1983–85 an der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld; 1991–93 Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, 1993 Friedrich-Schiller-Professur für Geschichte an der Universität Jena; seit 1993 Professor für Vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
Ausgewählte Publikationen: Naturabsicht und Unsichtbare Hand. Zur Kritik des geschichtsphilosophischen Denkens (1980); Gewissen und Geschichte. Studien zur Entstehung des moralischen Bewußtseins (1990); Die Entstehung des modernen Gewissens (1991); Listen der Vernunft. Motive geschichtsphilosophischen Denkens (1998); Out of Control. Über die Unverfügbarkeit des historischen Prozesses (2004); Mit Marx für Heidegger. Mit Heidegger für Marx (2004); Wir werden gelebt. Formprobleme der Moderne (2006)