SPRACHEN DER MEDIZIN. Internationale Fachtagung

SPRACHEN DER MEDIZIN
Internationale Fachtagung 27. bis 29. Oktober 2005

Elisabeth GĂĽlich, Bielefeld
Monica Greco, London
Bernd Hontschik, Frankfurt/Main
Dieter Janz, Berlin
Deborah Kirklin, London
Marin Konitzer, Hannover
Gabriele Lucius-Hoene, Freiburg/Breisgau
Wolfgang Riedel, WĂĽrzburg
Gerd Rudolf, Heidelberg
Martin Schöndienst, Bielefeld
Fabian Stoermer, Berlin
Silke M. Weineck,
Ann Arbor

Eine Gemeinschaftsveranstaltung der Victor von Weizsäcker Gesellschaft und des Einstein Forums Mit freundlicher Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung

Als Humanwissenschaft par excellence, deren "Gegenstand" die vitalen Funktionen des menschlichen Lebens und deren Störung in der Krankheit sind, bewegt sich die Humanmedizin seit jeher zwischen den im 19. Jahrhundert mit der Ausdifferenzierung der modernen Wissenschaften entstandenen Polen von Natur- und Geisteswissenschaft. Die Grundsituation der medizinische Praxis, nämlich der Umgang des Arztes mit dem kranken Menschen, hat es nicht nur mit objektivierbaren physikalischen und chemischen Kausalzusammenhängen zu tun, sondern auch und zuerst mit einem leidenden und sprechenden Subjekt, dessen Rede interpretiert und beantwortet sein will. Gleichwohl hat sich die Entwicklung der modernen Medizin bis in die Gegenwart hinein mit all ihren beeindruckenden Erfolgen vor allem auf eine Allianz mit dem naturwissenschaftlich-technischen Paradigma einer mechanisch-kausalen Erklärung und Manipulation "objektiver" Fakten gestützt. Die Spitze dieser Entwicklung und die Probleme, die sie für ein Ethos der medizinischen Praxis aufwirft, wird gegenwärtig vor allem im Hinblick auf die Potentiale der Gentechnologie und der neurophysiologischen Hirnforschung öffentlich diskutiert.

Wichtige Alternativen zu dieser dominanten Entwicklung der Medizin, die, wie sich u.a. den Studien von Michel Foucault über die Entstehung des psychiatrischen Diskurses und die "Geburt der Klinik" im 19. Jahrhundert entnehmen lässt, nicht nur von der "Erfindung des Subjekts" begleitet war, sondern dessen individuelle Rede auch weitgehend zum Verstummen brachte, sind bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts formuliert worden. Die prominenteste dieser, die hermeneutische, "geisteswissenschaftliche" Seite der Medizin entwickelnden Alternativen ist wohl die Psychoanalyse. Zu ihnen gehört auch die von Viktor von Weizsäcker konzipierte "anthropologische Medizin", die sich in entscheidenden Punkten auf die Einsichten Freuds stützt und diese auch für das Verständnis und die Therapie der sogenannten "organischen" Krankheiten fruchtbar zu machen versucht. Die von Weizsäcker in einer nicht unproblematischen, aber denkwürdigen Analogie zu der mit der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie vollzogenen Revolution der theoretischen Physik geforderte "Einführung des Subjekts" in die Lebenswissenschaften und die Medizin ist bis heute fast nur durch die Institutionalisierung der Psychosomatik als einer medizinischen Randdisziplin und in verstreuten Ansätzen der psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxis aufgenommen worden. Die Frage, warum die inzwischen verbreitete, von der neueren Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte vielfach bestärkte Kritik an einem objektivistischen Selbstverständnis der Lebenswissenschaften, deren Formulierung bei Viktor von Weizsäcker u.a. Parallelen zu den Überlegungen von Georges Canguilhelm aufweist, bislang nur eine marginale Wirkung auf die Entwicklung der medizinischen Forschung und ärztlichen Praxis ausüben konnte, würde eine eigene Betrachtung verdienen. Die Tagung soll sich aber nicht auf die Analyse einer solchen Geschichte des Misserfolgs richten, sondern auf aktuelle Ansätze der medizinischen Praxis und des humanwissenschaftlichen Diskurses eingehen, die sich darum bemühen, die Sprachen menschlicher Subjekte - die historisch, sozial, psychologisch und biographisch bestimmte Rede der Kranken und der Ärzte - im medizinischen Diskurs zur Geltung zu bringen. Solche Ansätze werden gegenwärtig mit unterschiedlichen epistemologischen, therapeutischen und politischen Intentionen und in verschiedenen institutionellen Zusammenhängen u.a. unter dem Schlagwort der "narrative medicine" entwickelt und praktiziert. Die Tagung soll dazu dienen, einige dieser Ansätze vorzustellen und sie als theoretische und praktische Konzeptionen einer interdisziplinären medizinischen Humanwissenschaft zur Diskussion stellen.